Aus der Geschichte der Ortschaft Meiste

 

Der Rüthener Bürgermeister Christoph Brandis (ca. 1580 – 1658) berichtet 1650 in seiner „Geschichte der Stadt Rüden“, dass die zunächst mit einem Marienpatrozinium (ab 1353 mit St. Ursula) bewidmete Kirche zu Miste (so der ursprüngliche Name des Dorfes) bereits im Jahr 1191 durch den Kölner Erzbischof Philipp von Heinsberg konsekriert worden ist. Damit findet die heutige Ortschaft Meiste ihre bislang früheste schriftliche Erwähnung. Obwohl Brandis nach eigenem Bekunden die mittelalterlichen Urkunden, in denen dieser Vorgang Erwähnung findet, nur indirekt zur Kenntnis gelangt sind und er sich in seinem Werk um eine dann mit einigen personalen Unrichtigkeiten verflochtene Rekonstruktion der urkundlichen Quellen bemüht, ist die deswegen oft auftauchende pauschale Abwertung seiner Urkundenwiedergabe als „Fälschungen“ wohl als unzutreffend zu bezeichnen. So konnten archäologische Forschungen in den Jahren 1976/77 vor Ort die Überreste eines aus dieser mehr als 800 Jahre zurück liegenden Zeitphase stammenden romanischen Vorgängerbaus im Bereich der heutigen Pfarrkirche St. Ursula nachweisen, von dem nur der wuchtig gedrungene Turm überliefert ist.
Das Dorf besaß seit dem Hochmittelalter eine große waldreiche Gemarkung, die in ihrer Ausdehnung die der benachbarten, 1200 gegründeten Stadt Rüthen zunächst weit übertraf und in der den Höfen des Dorfes eine unterschiedliche große Anzahl von „Echtwerken“ (= Holznutzungsrechten) zugeordnet war. Ein früh institutionalisiertes „Holtding“ (= Holzgericht) sorgte als allseits anerkannte rechtspflegende Instanz über Generationen für die korrekte Inanspruchnahme der Holzrechte in der „Mister Mark“ durch die daran Beteiligten.
Nach dem Ort selbst benannte sich ebenfalls eine seit 1238 nachweisbare, aber schon zu Beginn des 15. Jh. ausgestorbene adlige Ministerialenfamilie derer „von Myste“, die wie ihre Lehnsherren, die Grafen von Arnsberg, einen Adler in ihrem Siegel führten. Diese überlieferte Symbolfigur des Adelsgeschlechts wurde 1991 heraldischer Kern eines neuen, nichtamtlichen Wappens für den Rüthener Ortsteil Meiste.
Der große Waldreichtum der alten „Mister Mark“ verstärkte im Laufe des Spätmittelalters u. der frühen Neuzeit (15./16.Jh.) immer mehr die primär ökonomisch ausgerichteten territorialen Expansionsbestrebungen der Stadt Rüthen, welche deshalb ihre eigenen Gemarkungsgrenzen immer weiter nach Osten, also auch in die holzreiche „Mister Mark“ vorschob, indem man sich vor allem die dort vorhandenen Nutzungsrechte nach und nach aneignete.
Spätestens zu Beginn des 16. Jh. geriet dann das Dorf Miste selbst (wie auch der Nachbarort Kneblinghausen und die weiter westlich gelegene Ortschaft Altenrüthen) in einen engen hoheitsrechtlich-kommunalen Sozietätsverband mit der Stadt Rüthen, der erst 1838 endgültig aufgelöst wurde. Die Hofesbesitzer wurden dadurch am Ausgang des Mittelalters zwar auch Rüthener Bürger und erhielten damit den damals durchaus vorteilhaften „Schutz und Trutz“ einer Stadt, blieben jedoch andererseits stets Bürgerschaftsangehörige „minderen Rechts“, d.h. sie besaßen kein aktives und passives Wahlrecht zum Rüthener Rat und keinen Anspruch auf die Ausübung von Magistratsämtern. Hingegen hatten die Mister Stadtbürger für die Rüthener „Schirmherrschaft“ fortlaufend zahlreiche Hand- und Spanndienste in städt. Belangen zu erbringen (z.B. bei der kontinuierlich notwendigen Erhaltung u. Instandsetzung der Rüthener Stadtbefestigung sowie bei den zahlreichen Amtsreisen von Bürgermeister und Ratsherren). Diese lästigen Auflagen und die starken Einschränkungen bei der Holznutzung sowie bei den Hude- und Mastrechten in ihrer alteigenen „Mister Mark“ durch den Rüthener Magistrat führten zwischen den Eingesessen des „Stadtdorfes“ Miste und der Rüthener „Stadtherrschaft“ in der Folgezeit zu vielen rechtlichen Auseinandersetzungen, die im Einzelfall z.T. über Generationen andauerten und wohl auch in den sogen. Rüthener „Hexenprozessen“ des 16. u. 17. Jh. (1573-1660), in denen auffällig immer wieder Angeklagte aus Miste erscheinen, schauerliche und blutige Höhepunkte gefunden haben.
Gehörte Miste vermutlich schon im 13. Jh., sicher aber wegen des in einer Bischofsfehde 1410 zerstörten Gotteshauses in den folgenden mehr als 100 Jahren kirchenorganisatorisch zur Pfarrei Altenrüthen, so gelang ab 1518 nachhaltig die Einrichtung einer eigenständigen Pfarrei. 1679 bestand Miste nach den verheerenden Auswirkungen des 30jährigen Krieges wieder aus 40 Hofstellen u. Hausstätten mit ca. 180 Einwohnern. Zwischen 1722 und 1735 wurde die Kirche grundlegend neu erbaut, nur der aus der Gründungszeit stammende romanische Turm blieb als mittelalterlicher Zeuge der langen Kirchengeschichte erhalten. Im Innern des Gotteshauses sind bis heute viele barocke Stilelemente aus dieser Umbauzeit überliefert, 1910 wurde die Kirche im neubarocken Stil ausgemalt.
Ab 1810 erhielt Miste erstmals eine von der Stadt Rüthen weitgehend unabhängige Verwaltungszuständigkeit, als für den Ort zusammen mit Altenrüthen, Langenstraße und Heddinghausen durch die großherzoglich hessen-darmstädtische Regierung in Arnsberg der ehemalige Rüthener Stadtsekretär Caspar Petrasch zum für diesen Bereich zuständigen „Bezirksschultheiß“ ernannt wurde. Auch wurde damit das für die Einwohner in Miste bislang über Jahrhunderte gültige Rüthener Stadtrecht durch das allgemeine hessen-darmstädtische Staatsrecht abgelöst.
Seit 1815 unter preußischer Provinzregierung, gehörte der erwähnte Schultheißbezirk Miste gerichtlich weiter zum Justizamt Rüthen, ab 1828 als Kirchspiel Miste (mit Kneblinghausen insgesamt 558 Einw.) zur Verwaltung der „Landbürgermeisterei Rüthen“ (unter dem kgl. Bürgermeister Franz Rühl, ab 1837 Bgm. Wulff) und ab 1843, nun erstmals als selbständige Gemeinde mit einem eigenem Vorsteher (später Bürgermeister genannt) u. 338 Einw., zum neu gebildeten Amt Altenrüthen (ab 1937 als Amt Rüthen bezeichnet), zusammen mit 11 weiteren Orten.
Im Rahmen der kommunalen Neuordnung von 1975 wurde Meiste schließlich mit 14 anderen Ortschaften in die Verwaltungszugehörigkeit der Stadt Rüthen einbezogen. 1817 hatte Miste 53 Häuser mit 337 Einwohnern, hinzu kamen 3 Häuser mit 19 Bewohnern der nah gelegenen Rüthener „Stadthöfe“ des sogen. „unteren“ bzw. „oberen Schulten“ und der Mühle im Flurbereich „Aschental“. 1887 verlegte man den Friedhof aus der direkten Kirchenumgebung an den Rand des Dorfes.
1911 wurde der Jahrhunderte alte Ortsname Miste auf Drängen der örtlichen Geistlichkeit u. Lehrer aus einem damals moralisierenden Geschichtsverständnis heraus (- Problem einer evtl. „anrüchigen“ Namensauslegung bzw. –verwendung -) per Regierungsdekret in das unverfänglichere „Meiste“ abgewandelt.
Die örtliche Traditions- und Brauchtumspflege ist in erster Linie in der St. Sebastian Schützenbruderschaft Meiste beheimatet, deren Ersterwähnung aus dem Jahr 1738 stammt. 1978 gründete sich der Tischtennis Club Meiste, der insbesondere den heimischen Kindern und Jugendlichen durch die vereinsorganisierte Ausübung dieser Sportart eine sinnvolle Freizeitgestaltung bietet.
Heute hat Meiste 412 Einwohnern (Stand: 02/2007). Blieb seine wirtschaftliche Struktur über Jahrhunderte bis in die jüngste Vergangenheit durchweg von der Landwirtschaft bestimmt, so wird nunmehr seit mehr als 25 Jahren das ökonomische wie bauliche Erscheinungsbild der Ortschaft durch einen stark expandierenden, Holz verarbeitenden Industriebetrieb mit mehr als 600 Beschäftigten dominiert, der den Namen des Ortes als Firmen- und Produktbezeichnung mittlerweile weit in alle Welt hinausträgt.

Benutzte u. weiterführende Quellen u. Literatur:
 
Brandis, Christoph, Geschichte der Stadt Rüden (1650), in: Seibertz, Johann Suibert, Quellen zur westf. Geschichte, Bd. 1, Arnsberg 1857, S. 235.
 
Seibertz, Johann Suibert, Urkundenbuch zur Landes- und Rechtsgeschichte des Herzogtums Westfalen, Bd. 1, Arnsberg 1839, Nr. 95 u. 96.
 
Bender, Joseph, Geschichte der Stadt Rüden, Werl/Arnsberg 1848 (unveränderter Nachdruck 1973).
 
Amtliches Kirchenblatt für die Diözese Paderborn, LIV. Jg. (1911), Stück 16, S. 172.
 
Isenberg, Gabriele, Der romanische Bau der Pfarrkirche zu Meiste bei Rüthen (Kreis Soest), in: WESTFALEN. Hefte für Geschichte, Kunst u. Volkskunde, 55. Bd. (1977), Heft 3-4, S. 423-426.
 
TTC Meiste (Hg.), 25 Jahre Tischtennis Club Meiste 1978, Meiste 1978.
 
Esleben, Leo, Beitrag zur Geschichte der Ortschaft Meiste, seit 1975 Rüthen-Meiste, Lippstadt 1987.
 
St. Sebastian Schützenbruderschaft Meiste (Hg.), 250 Jahre St. Sebastian Schützenbruderschaft Meiste, Meiste 1988.
 
Bockhorst, Wolfgang, Maron, Wolfgang (Hg.), Geschichte der Stadt Rüthen, Paderborn 2000.
 
Kath. Pfarrgemeinde St. Ursula Meiste (Hg.), St. Ursula in Meiste (Kirchenführer), Anröchte o.J.
 
Kath. Pfarrgemeinde Meiste (Hg.), 1191 – 1991, 800 Jahre St. Ursula Meiste, Anröchte 1991.
 
Schlüter, Heribert (Hg.), Meiste und Kneblinghausen – Häuser und ihre Bewohner in den vergangenen Jahrhunderten, Paderborn 2001.
 
Schulte, Anja u.a. (Hg.), 65 Jahre Johannes Schulte – Kreativität, Gespür, Dynamik, Zukunft, Meiste 2006.

Sommer, Stadtarchiv Rüthen